Auf den Spuren Wilhelm Buschs

Wer auch immer sich daran macht, Verse zu schmieden, sollte vorher bei diesem Großmeister der Kleinkunst in die Schule gehen. Es ist ja nicht nur sein genialer Zeichenstift, sondern vor allem sein Umgang mit Rhythmus und Klang der Sprache, der seine Versdichtung so unverwechselbar macht.

Ein besonders schönes Beispiel Busch’scher Reime ist sein:

Naturgeschichtliches Alphabet für größere Kinder
und  solche, die es werden wollen.

Ganze Generationen konnten es auswendig hersagen, und wer kennt nicht zumindest die ersten Paarreim-Strophen die-ses fröhlichen Versgedichts:

 Im Ameishaufen wimmelt es,

 der Aff' frisst nie Verschimmeltes.

 Die Biene ist ein fleißig Tier,
Dem Bären kommt dies g'spaßig für.

In dieser Art des Paarreims führt uns Wilhelm Busch durch das gesamte Alphabet bis zum „Z:

Die Zwiebel ist der Juden Speise,

 Das Zebra trifft man stellenweise.

Rhytmisch sind die Verse für alle Buchstaben des Alpha-bets durch den Wechsel von betonten und unbetonten Silben bestimmt

Ta tam, ta tam, ta tam, ta tam (ta)

Inhaltlich geht es Busch hier um einen Katalog von Begrif-fen aus der Natur und bestimmten Eigenschaften, die er ihnen zuordnet. Lassen Sie sich (wie ich) von der Idee einer solchen Vers-Sammlung, seiner Struktur und ihrem be-schwingtem Sprachrhythmus anstecken! Fragen Sie sich als eine einfache Einübung ins Verseschmieden, was man den einzelnen Gliedern einer Gruppierung (Städte, Länder, Flüs-se, Tiere, Pflanzen, ...) zuordnen könnte (Eigenschaften, Tä-tigkeiten ...), und legen Sie los!

Ich habe mich in der Nachfolge Buschs an ein Alphabet gewagt, in dem ich einer Auswahl von Personen (überwie-gend Berufsbezeichnungenen) möglichst hintergründig „be-rufstypische“ Arten des Sterbens zuordne. Dabei haben mich besonders die auf sehr unterschiedliche Weise möglichen Doppeldeutigkeiten im Wortfeld sterben gereizt.

Aus Platzgründen beschränke ich mich hier auf einige weni-ge Buchstaben

   vom A:

 Den Anwalt zieht es matt und zag

 zum Gericht am Jüngsten Tag.

   über das E:

 An seinem allerletzten Tag

 trifft den Elektriker der Schlag.

   über das I:

 Ein Illustrator wird vermisst,

 wenn er vom Tod gezeichnet ist.

   über das O:

 Woll’n Orgelbauer nicht mehr leben,

 dann geh’n sie flöten schnell mal eben.

   über das T:

 Der Turner fragt sich ganz erschreckt,

 ob er am Ende gar verreckt.

   bis zum Z:

 Auf dem Weg zur ew’gen Ruh

 schließt der Zyklop sein Auge zu.

 

In der Buchfassung meines kleinen Verskompendiums kön-nen Sie nachlesen, dass ich in meinem Alphabet des stan-desgemäßen Sterbens tatsächlich alle Buchstaben beset-zen konnte. Es ist eben nur eine Sache der ausdauernden Suche nach passenden Reimwörtern.


Im nächsten Kapitel möchte ich das Übungsfeld um ein an-deres Metrum erweitern. Das Besondere an diesen Versen ist, dass sie fast jedem von uns schon einmal – meist musi-kalisch untermalt – begegnet sind.

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