Schnattern und hüpfen mit Schnaderhüpferln und Co

Das Schnaderhüpferl (ein wohl aus schnadernquasseln, schnattern“ und „hüpfen“ gebildeter Name) ist nicht nur in Bayern zu Hause, dort, wo es wohl ursprünglich entstanden ist, dieses (laut Bairischem Wörterbuch) kurze, gereimte meist vierzeilige Lied mit lustigem, neckischem, sehr oft auch anzüglichem Inhalt). Zumindest den Refrain

Holla di hia, holla di ho!

Holla di hopsassa, holla di ho!

hat wohl jeder im gesamten deutschen Sprachraum im Ohr, der einem im Schnaderhüpferl-Rhythmus gesungenen Vers schon einmal begegnet ist. Meist war dann dabei von hohen Bergen oder dem Verweilen auf einer Brücke die Rede:

Hoch dro’m auf dem Berge, da steht ein Gerüst,

da werden die Mädchen elektrisch geküsst.

   Oder:

Ich steh’ auf der Brücke und denk so bei mir,

wär’ jetzt ich zu Hause, dann wär’ ich nicht hier!

Aber nicht nur auf Bergen und Brücken tummeln sich zahl-lose Schnaderhüpferl. Die Ausgangssituationen für diese Verse kennt keine Grenzen, sie können überall spielen: in der Küche, beim Metzger oder wo auch immer. Das haben wir schon als junger Pfadfinder weidlich besungen. Auch wenn wir damals keine Ahnung davon hatten, wie die Stro-phen hießen, die wir beim Wandern und am Lagerfeuer sangen und natürlich auch selbst dichteten. Aber es ist mir in guter Erinnerung geblieben, dass wir es mit Begeisterung getan haben und dabei der herrlichste Unsinn herauskom-men konnte!

Was unterscheidet nun aber ein Schnaderhüpferl von den Versen in Buschs Naturgeschichtlichem Alphabet? Sind doch hier wie dort die Verszeilen vierhebig, und in beiden Fällen wird im Paarreim fabuliert!

Nun, es ist das etwas andere Versmaß:

Ta-tam-ta, ta-tam-ta ta-tam-ta, ta-tam

Im Unterschied zu dem regelmäßigen Betonungswechsel in den Versen Buschs (im jambischen Versfuß) folgen beim Schnaderhüpferl den drei ersten betonten Silben jeweils zwei unbetonte (daktylischer Versfuß). Der Rhythmus ähnelt dem Walzertakt. Und diese beschwingte Wortfolge wird durch eine klar hörbare rhythmische Pause zwischen den beiden unbetonten Silben in der Versmitte noch prägnanter. Denn so ergeben sich insgesamt vier gleichartige rhyth-mische Einheiten, die am Versende entweder in männlicher (stumpfer) Kadenz enden:

Ich steh auf der Brücke und denk so bei mir

(Ta  tam  tata  tam tata   tam  tata  tam)

oder weiblich (klingend):

Ich steh auf der Brücke, da sagt mir doch einer

(Ta  tam  tata  tam tata  tam  tata  tam ta )

Schnaderhüpferln eigenen sich besonders gut für das Drauf-los-Reimen und lustige Unsinnsgedichte. Probieren Sie es doch einfach mal aus! Es geht recht leicht von der Hand, denn der Rhythmus in den Verszeilen ist eindeutig, und man hat für die beiden Reimwörter insgesamt mehr Silben zur Verfügung als in der Übung zuvor.

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Ähnlich einfach wie das Reimen von Schnaderhüpferln ist der schöpferische Umgang mit einer beliebten gereimten Marschhilfe (wahrscheinlich wurde sie im Soldatenmilieu geboren). Auch an sie erinnere ich mich aus meiner Jugend-zeit. Und heute noch hat meine Enkelin großen Spaß daran, mit uns beim Wandern in den Marschtritt zu verfallen, wenn wir mit spontanen Einfällen abwechselnd nach folgendem Muster reimen:

Klotz --, Klotz --, Klotz am Bein, Klavier vorm Bauch,

wie lang ist die Chaussee? ...

Links sind Bäume, rechts sind Bäume,

in der Mitte Zwischenräume.

Im Gleichschritt geht es dann nach der Wiederholung des fragenden Eingangssatzes, der uns den Marschtritt wie von selbst in die Beine zwingt (links, rechts, links, rechts, ...), weiter:

Klotz , Klotz , Klotz am Bein, Klavier vorm Bauch,

wie lang ist die Chaussee? ...

... Links ne Pappel, rechts ne Pappel

in der Mitt’ ein Pferdeappel.

... Links nur Buchen, rechts nur Buchen

in der Mitte Streuselkuchen.

... Links ne Eibe, rechts ne Eibe

in der Mitt’ ’ne Butzenscheibe.

Und wenn uns dann nach etlichen Strophen die Bäume aus-gehen, findet sich genügend anderes am Rand der Chaus-see: Zäune (links nur Zäune, rechts nur Zäune), Wiesen, Kühe usw.

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Und weil wir gerade beim fröhlichen Spontandichten sind, schnell noch ein kleiner Ausflug ins Reich der Fäkalien: Das Scheiße-Lied habe ich an einem fröhlichen Abend am La-gerfeuer kennen und als Ermunterung zum spontanen Ver-seschmieden lieben gelernt. 1977 hat es sogar den Sprung in den Film “Die Vorstadtkrokodile” geschafft. Da ist es dann wohl auch erlaubt, diese Strophenform als Übungsgut in mein Verskompendium aufzunehmen.

Diese kleinen von jeweils einem Gruppenmitglied vorgestell-ten Zweizeiler mit den dabei von der gesamten Gruppe mit-gesungenen Zwischenzeilen (he-la-di-la-di-o!) eignen sich besonders als lyrische Gemeinschaftsleistung zu später Stunde. Ich habe schon Abende erlebt, an denen dem Dut-zend mehr oder weniger bekannter Strophen noch weit mehr spontane „Neuschöpfungen“ angehängt wurden. So ein Ge-sang kann sich fröhlich hinziehen, wenn sich nach jedem scheinbar abschließenden „he-la-di-la-di-o“ immer wieder jemand zum Weitermachen findet. Er muss sich ja lediglich einen Reim auf eine (möglichst ungewöhnliche) Platzierung für das üble Geschäft und der daraus resultierenden erhei-ternden Situation machen. Der Rest ergibt sich unmittelbar daraus, dass die erste der beiden Paarreimzeilen mit dem Anfangswort Scheiße (Tam-ta) beginnt und mit drei weiteren solchen trochäischen Versfüßen zu einem Vierheber wird:

Scheiße, tam ta, tam ta, tam (ta)

dem dann nach der allgemein gesungenen Zwischenzeile die gereimte zweite Zeile im gleichen Versmaß folgt:

Tam  ta, tam ta, tam ta, tam (ta).

Die wohl bekannteste Strophe ist in beiden Zeilen ein voll-ständiger trochäischer Vierheber:

Scheiße in der Lampenschale

(he-la-di-la-di-o!)
gibt gedämpftes Licht im Saale.

(he-la-di-la-di-o!)

Es klingt aber auch, wenn der letzte Versfuß unvollständig bleibt:

Scheiße auf dem Autodach

(he-la-di-la-di-o!)
wird bei hundertachtzig flach.

(he-la-di-la-di-o!)

Das besonders unter älteren Kindern und Jugendlichen be-liebte Lied geht wahrscheinlich auf die derben Bonifazius Kiesewetter-Verse zurück, die von dem späteren preußi-schen Staatsanwalt Waldemar Dhyrenfurth stammten. Sie waren besonders unter Soldaten und in Männergruppen viel-fach verbreitet, Fäkalien spielten eine wichtige Rolle. Die Verse wurden zunächst nur mündlich verbreitet, nach dem 2. Weltkrieg auch in Buchform.

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Nach diesen kleinen Übungen mit Zweizeilern im Paarreim können wir uns guten Mutes auf den Weg zu komplexeren Reimformen machen. Dort warten einige Geschwister des Paarreims auf uns.