Leitsatz 3

Vermeide monotones Klappern durch allzu strikte Erfüllung des Versmaßes (völliger Gleichklang allzu vieler Verszeilen hintereinander).

Einem solchen Klappern kann man vor allem durch drei rhythmische Formungen vorbeugen:

Erster Tipp:

Man kann in den Verszeilen mit dem Auftakt, dem ersten Versfuß (= erster Takt) und der Kadenz, dem letzten Versfuß (= letzter Takt) spielen. Während es angezeigt ist, im Zeilen-inneren das Versmaß möglichst einzuhalten, um holprige Verse zu vermeiden, ist es im Anfangs- und Endtakt mög-lich, den für eine unbetonte Silbe vorgesehenen Platz im Versfuß auch mal leer zu lassen.

Wie das gemeint ist ist, möchte ich am Beispiel meiner gereimten Kritik am Verfall der Ess- und Trinkkultur auf-zeigen. Im Erstentwurf lauteten die vier Anfangszeilen so:

Ach, man mag es nicht mehr seh’n:

Schnell muss heute alles geh’n!

Nicht im Coffee-Shop allein,

auch McDonald stimmt mit ein ...

Diese vier Zeilen sind rhythmisch völlig identisch gebaut: vierhebig, steter Wechsel betonter und unbetonter Silben, kein Auftakt, Kadenz hart männlich (Betonung auf der letzten Silbe). Viermal hintereinander wiederholt sich in absolut gleicher Weise das rhythmische Schema:

Tam, ta-tam, ta-tam, ta-tam.

(Dass auch die jeweilige Struktur des Satzbaus Zeile für Zei-le ähnlich ist, verstärkt die Gefahr, die Verse als eintöniges Klappern wahrzunehmen, doch dazu weiter im zweiten Tipp unter dem Stichwort „Zeilensprung“ mehr.)

Vorsicht also!, sage ich mir. So darf es nicht weitergehen! Bei diesem exakt abgemessenen rhythmischen Gleichmaß droht die Gefahr des langweiligen Klapperns.

Bei näherer Betrachtung fällt mir eine erste mögliche Varia-tion für die beiden Anfangszeilen ins Auge: Aus seh’n und geh’n schnell se-hen und ge-hen machen – schon wird in diesen Versen mit der Veränderung der vorher männlichen in eine weiche weibliche Kadenz (Betonung nicht mehr auf der Endsilbe) die allzu strenge rhythmische Wiederholung geän-dert. In den ersten beiden Versen klingt es nun so:

Tam, ta-tam, ta-tam, ta-tam-ta.

Nun noch in der Fortführung neben den Kadenzen auch mal den Auftakt variieren!, mache ich mir Mut und setzte im nächsten Paarreim im ersten Versfuß je einen Auftakt

und Bratwurstbuden sowieso
Das Zauberwort, es heißt "to go"! ...

Mit dieser kleine Veränderung zu:

Ta-tam, ta-tam, ta-tam, ta-tam

und dem Wechsel der nun drei unterschiedlichen Schemata in den Folgeversen läuft das Gedicht in Gänze nicht mehr Gefahr, klappernd zu klingen:

Modern eat and drink

Ach, man mag es nicht mehr sehen:
Schnell muss heute alles gehen!

Nicht im Coffee-Shop allein,

auch McDonald stimmt mit ein

(und Bratwurstbuden sowieso) :

Das Zauberwort, es heißt „to go“!

Man trinkt und schmatzt all überall

vereint im Esskulturverfall,

indem man schlendernd, hastend, stehend,

andern auf die Nerven gehend,

öffentlich und ungeniert

schamlos vor sich hin diniert,

während ringsum liegen bleibt,

was man sich nicht einverleibt!

In der letzten Zeile habe ich außerdem bewusst auch im Versinneren mit dem Versmaß gespielt. Von der Aussage her sollte hier das Wort nicht betont werden, auch wenn es vom Versmaß her an der Stelle einer unbetonten Silbe steht:

Tam, ta-tam, (tam)-tam, ta-tam.

So wird nicht nur eine Variation gegen das Klappern, son-dern außerdem auch eine abschließende Aussageverstär-kung erreicht.

Zweiter Tipp:

Auch der Zeilensprung (Enjambement) ist ein gutes Mittel, gleichförmige Langweiligkeit zu vermeiden und die Über-gänge der Verse geschmeidig und gefällig zu formen.

Damit ist mehr gemeint, als dass sich ein Satzgefüge aus Haupt- und Nebensätzen über die einzelnen Verszeilen hin-weg erstreckt wie im Beispiel oben beim ersten Tipp zwi-schen Zeile 7 und 14.

Zwar kann schon damit der Gefahr des Klapperns begegnet werden. Aber verstechnisch richtig aufregend wird es, wenn auch die kleinste Pause hinter dem Reimwort das Verständ-nis des Gesagten verhindern würde – wenn also der Vortra-gende (oder Leser) geradezu gezwungen wird, über den Reim hinaus in die nächste Verszeile zu springen:

Umsetzungsdilemma

Wenn ich vor dem Ofen stehe

und hilflos mein Gehirn verdrehe,

hilft es unerheblich, dass

schulisch ich ein Mathe-Ass

gewesen, bei der Frage mir,

welche von den Schienen vier

laut der Kochbuch-Schreiberei

denn die mittlere nun sei.

Dritter Tipp:

Und letztlich ist auch der bewusst eingesetzte Wechsel in der Zahl der betonten Silben pro Verszeile ein probates Mittel, im Rhythmus zu variieren. Möchte man z. B. jeman-dem zum Abschluss einer gereimten Ansprache sagen, dass er jederzeit willkommen ist, könnte das etwa so lauten:

Oftmals Sie bei uns zu seh’n,

ja, das re wunderschön!

Das ist ein stimmiger Paarreim in klar strukturiertem Metrum (vierhebig trochäisch mit männlicher Kadenz) – nun ja, okay, so kann man es machen!

Aber eine stärkere Betonung erfährt dieser Wunsch durch eine bewusste metrische Veränderung im der Schlusszeile:

Oftmals Sie bei uns zu seh’n,

re wunderschön!

Nur noch dreihebig fällt diese Zeile unter Beibehaltung des trochäischen Versmaßes rhythmisch etwas aus dem vorheri-gen Gleichklang der Verse und legt dabei mit zweien der nun nur noch drei betonten Silben mehr Gewicht auf wunder schön.

 

 

Eine noch auffälligere Rhythmusveränderung erfährt die Schlusszeile in folgender Form:

Oftmals Sie bei uns zu seh’n,

das ... wär’ ... schön!

Zusätzlich zur geringeren Zahl der Betonungen können in dieser Variation die fehlenden unbetonten Silben beim Vor-trag zu getragenen Pausen werden. So wirkt der Wunsch in den drei aufeinanderprallenden betonten Silben rhythmisch noch intensiver.

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